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Erschöpfung (Dannenröder Wald bis Erfurt/Jena)

Diese Tage waren anstrengend und kräfteraubend. Ich bin jeden Tag gefahren, habe sparsam gelebt und viel Regen abbekommen.

Montag Abend um 18:00 habe ich den Wald verlassen und etwas containert - unter anderem Osterbrot und 12 Milchbrötchen. Originalverpackt, ohne Schäden, nicht einmal MHD überschritten, dafür aber nicht bio/vegan. Bestimmt verwertbar, bei dem was mein Körper verbrennt, dachte ich mir.
Weit kam ich an dem Tag nicht, das musste ich aber auch nicht. Nähe Neustadt bin ich gestrandet.

vor GörzhainDienstag ging es früh los, es sollte regnen und ich wollte das Zelt nicht nass einpacken. In Wiera gabs Frühstück: viel Brot mit irgendwas und Obst. Ab Schwalmstadt wurde es richtig still: „Bahnradweg Rotkäppchenland“. Eine alte und ewig lange Bahntrasse. Nur zwischen 8 und 9 Uhr habe ich ein paar Menschen mit Hund getroffen. Davor und danach war es wie ausgestorben. Bewölkt, kühl, alles leicht bergauf. In Neukirchen kam ich bei Tofutown (New Cheeses) vorbei, einer der beiden großen Tofu-Hersteller für Deutschland.

Tofutown New Cheeses in Neukirchen

Nähe Ottrau bin ich zu einer Grillhütte mit Fußballplatz gefahren. Da ich leichten Muskelkater bekam, wollte ich mir etwas gescheites zubereiten und ein bisschen Pause machen. Das war der erste Muskelkater seit über fünf Wochen bzw. seit dem Thema vegan ab 2015. Ab da hatte ich nicht einmal wieder Muskelkater - nicht vom Fitnessstudio, nicht vom Yoga, nicht von sonstigen (Tor)Touren. Kann es wirklich sein, dass durch ein paar Milchbrötchen mein Körper lahmgelegt wird? Scheinbar. Ist irgendwie auch logisch, wenn alles sofort verstoffwechselt wird. Nach dem Kochen fing es an zu regnen und es wurde windiger, allgemein sehr ungemütlich. Es hörte auch nicht mehr auf zu regnen. Mein Kopf und Gefühl hat mir gesagt, dass ich auf diesem Fußballplatz übernachten werde. Etwas besseres mit flacher Wiese, Unterstand, Grillplatz und frühen Sonnenstrahlen würde ich nicht finden.

Grillhütte Görzhain

Mittwoch früh ging es weiter - mit nassem Zelt und abgebrannter Stelle im Kochtopf. Weiter bergauf mit kaltem, nassen Wetter, über Oberaula, Kirchheim, Unteraula, Bad Hersfeld, Schenklengsfeld und ähnlichen Orten. Andere Menschen waren auch hier selten unterwegs. Besonders die durchnässten und kalten Füße und Handschuhe haben mir Kräfte geraubt und mich zur Verzweiflung gebracht. Für dieses Problem fiel mir auch keine Lösung ein außer „Augen zu und weiter“. Der Rückenwind und der Glaube an warmes Wetter gaben mir Hoffnung, der Wetterbericht von Bad Hersfeld nicht. Aber vielleicht würde sich das Wetter doch anders verhalten. Ich konnte nur kalt essen, zum kochen war es zu windig und bis das Essen warm ist, bin ich umso kälter. Mein Plan: erst warm fahren, dann etwas überdachtes finden oder zügig essen, wenn es trocken ist. Jedenfalls wurde es nicht spaßiger. Die Nacht verbrachte ich in einer Gemeinschaftshütte einer Ortsgemeinde ohne Zelt. Es war recht verdreckt und voller Spinnenwebe. Dafür aber halbwegs warm und trocken.

vor DippachAm Donnerstag war es weiterhin bewölkt und kühl. Dafür ging es zum ersten Mal lange bergab mit Rückenwind. Meine Essensvorräte gingen zu Ende. Meine Kette quietschte, meine Bremsen müssten ziemlich durch sein.

Monte Kali in Gerstungen

Was mich unruhig machte waren diese mega Berge - Monte Kali genannt (Doku). Dort werden riesige Mengen an Salz aus dem Boden geholt. Das unbrauchbare Salz wird aufgeschüttet. Es sind bald 600m hohe Berge, in weiß bis grau, einige Kettenfahrzeuge stehen oben, kaum erkennbar. Abartig, was da mit der Natur gemacht wird. Einfach unvorstellbar, unbeschreibbar. Hier wurden die Wolken richtig düster, fast schwarz! Wie bei Herr der Ringe, nur echt und direkt über mir.

Die Grenze

Ich überquerte die Ost-/West-Grenze in der Nähe von Göringen. Endlich im Osten! Übernachten konnte ich in der Nähe von einem Bootshaus. Es war richtig windig, mein Zelt musste ich zum ersten mal mit zusätzlichen Leinen befestigen. Von innen war es nass, ein kleine Pfütze. Na schön, dann eben mit dem Handtuch trocken machen. Dafür ist es ja. Duschen konnte ich dort - nach 11 Tagen auch bitter nötig, meine Füße sind ohne Sonne braun geworden. Die Unterwäsche habe ich provisorisch gewaschen.

HörschelFreitag morgen musste ich das Zelt im Regen abbauen. In der Nacht fing es stark an zu regnen, die Wäsche ist nicht getrocknet, ich musste sie feucht mitnehmen. Wieder einmal kalte Füße und alles. Aber hey, Eisenach mit Biomarkt, Outdoor-Laden, Fahrradgeschäften und alles war der nächste Ort, an dem ich vorbei komme. In Eisenach musste ich erfahren, dass Feiertag ist, erster Mai. Meine Hoffnung auf gutes Wetter und alles ist weg. Ich fahre Kreise in Eisenach, um einen Laden zu finden, der mir warmes, halbwegs gesundes Essen zubereiten kann. Nahrung, igendwas mit Kohlenhydrahte, am besten warm. Bei der Suche fing es wieder an zu regnen. Ich habe innerlich geflucht, mein Körper braucht dringend Energie.
Es ist Mai, eigentlich müsste es wärmer werden. Was ist mit dem Wetter los? Gibt es dieses Jahr aufgrund der verschobenen Jetstreams nur noch kaltes Wetter?
Letztendlich habe ich einen Imbiss gefunden, der für mich warmen Kartoffelauflauf mit Gemüse und Tomatensauce zubereitet hat. Auf der Karte stand dieser nicht. Ich habe auch quasi 1,90€ „Obdachlosen“-Rabatt bekommen. 5,00€ für warmes gutes Essen. Es gibt doch noch positives auf der Welt. Dazu gab es warmes Brot, in Alufolie eingewickelt, temporär als Wärmeflasche benutzt. Und Perfekt für meine restliche Marmelade laugh

Warmes Brot mit Marmelade

Als ich das Essen weggepackt habe, fing es wieder an zu regnen. Langsam ist mir das Wetter egal, ich kann eh nichts daran ändern. Am Ortsausgang fand ich eine Garage, wo zwei Jugendliche mit ihren Rädern standen. Sie hatten zwar kein Kettenöl für mich, dafür aber Kettenfett - das soll eh besser sein. Vielen Dank euch, bis heute quietscht nichts mehr.
Nach dem Boxenstopp ging es weiter. Fünf Kilometer nach Eisenach fing es stark an zu regnen. Mir wurde alles zu viel, ich hielt auf einem Hügel an, ich war gedankenlos und fassungslos. Was soll der Scheiß? Es ist Mai, maximal 15 °C und alles bewölkt. Ein entgegenkommendes Auto hielt an: „Du kannst dich gerne bei uns unterstellen, gleich das zweite Dach“ Nach einem kurzen Gespräch tat ich das auch. Der Boden wurde schnell matschig. Meine 120kg waren zu viel für diesen Grund. Ich schob das letzte Stück. Unter dem Hausdach setzte ich mich erst einmal. Die Zeit nutze ich, um zu telefonieren. Während des Gesprächs brach der Himmel vereinzelt auf, Sonne! Ja, wirklich Sonne, endlich.
Ich bin nur 20km weit gekommen. Bis nach Jena waren es noch ca. 100km, mein nächster sicherer Hafen. Ich wollte nur noch ankommen. Trotzdem sagte mir mein Gefühl: „Hier bleibe ich“. Ich konnte gleich am Fluss mein Zelt aufbauen. Ich erfuhr, dass es die Location vom Everland-Festival ist. Überall Tische, Bänke, Stühle aus Holzresten, eine selbstgebaute Holzbühne, großes Gelände, große Anhänger, Plumps-Klo, direkt am Fluss. Hier ein Elektro-Festival? Hammer! Meine Augen blitzten. Was sich hier alles machen lässt! Ich baute mein Zelt auf - Pfütze inside. Ich kochte mir Kichererbsen-Nudeln - trotz abgebrannten Topf. Den Windschutz bastelte ich mir aus der Alufolie vom „Kartoffelauflauf“-Brot. Wunderbar, hält und funktioniert super. Kurz bevor ich fertig war fing es wieder an zu regnen. Wasser kam in die Packtaschen, den Gaskocher, überall hin. Wenn das so weitergeht, komme ich als Wrack in Jena an.

Everland

Everland

Samstag hatte ich mir vorgenommen, bis Jena durchzufahren. 111km sagte OsmAnd. Im besten Zustand dafür war ich nicht. Jetzt waren auch meine Wasserreserven recht leer. Das Zelt konnte ich zwar ohne Regen abbauen, trocken war es allerdings nicht. Um 8:45 ging es weiter.
Auf dem Markt in Gotha besorgte ich mir etwas Obst, in einem Dorf vorher Brot. Überdachte Sitzplätze habe ich in Gotha nicht gefunden. Es überraschte mich nicht, dass es beim Essen wieder anfing zu regnen. Vor Mühlberg führte der Radweg an der A4 vorbei. Ich fuhr einhändig, links den Daumen nach oben. Hat natürlich nicht funktioniert, hat aber vielleicht einigen Leuten ein Lächeln ins Gesicht gezaubert und ich fand es zu verrückt, um es sein zu lassen.
In Erfurt war mein Wasser fast leer. Öffentliche Toiletten gab es erwartungsgemäß auch nicht. Dafür aber jede Menge Sonne und viele Menschen. So erfuhr ich, dass in der Landeshauptstadt 200000 Leute wohnen. Irgendwie schon anders als im Ruhrgebiet. Allein in Bochum wohnen fast doppelt so viele.
Auf der Suche nach einem bekannten Gemeinschaftsgarten in der Stadt lernte ich ein bzw. zwei nette Pärchen mit Kind kennen, die mich zu ihrem Gemeinschaftsgarten im Westen von Erfurt einluden. Dort durfte ich mein Zelt aufbauen - wieder einmal mit Pfütze.
Diesmal war alles anders. Die Sonne schien, mein Zelt wurde trocken. Am Feuer war es noch nachts warm, ich konnte wieder mit Menschen sprechen, richtig sprechen und zuhören, halbwegs abschalten, etwas warmes essen, Zeit genießen.

Gemeinschaftsgarten in Erfurt

Morgen würde ich ankommen - egal ob mit oder ohne Bremse.

Sonntag gab es Müsli. Gegen 14:00 brachen alle vom Garten auf. Ich benutzte inzwischen Apfelmus als Aufstrich und fuhr mit einer zwei Wochen ungewaschenen Jeans mit Tomatensauce, Schweiß und Rauch von der Feuerstelle im Dannenröder Wald rum. Mein Hoodie war ähnlich benutzt. Allerdings war hier die atmungsaktive Jacke ein Vorteil: Es schien so als hätte der Schweiß auch den Rauch mit nach draußen abtransportiert.
In Weimar, der „wahrscheinlich zweitlinkesten Stadt in Thüringen“ machte ich noch eine Pause - Brot mit Apfelmus und ohne Messer. Ich kann bald High-Carb Skillsharing anbieten.
Auf meiner Picknick-Bank startete ich noch ein Experiment. Ich spürte in alles um mich rein, um ein Gefühl zu bekommen, was gleich passieren würde. Würde es regnen, jemand Musik machen, ich einen Ort zum bleiben finden? Nein, ich wusste, dass eine junge Frau vorbei kommen würde, nicht zum weitergehen, Eis bestellen oder telefonieren, sondern ein 1:1 Moment mit ungeteilter Aufmerksamkeit. So kam es dann auch. Zwei Minuten später kreuzte die weibliche Person meine Bank und ging nicht dem Strom der Menschen hinterher. Sie wollte in das Haus schräg hinter mir, klingelte, und musste ewig warten, bis ihr aufgemacht wurde. Sie hielt eine Röhre in der Hand und schaute ständig zu mir mit einem Schmunzeln. Vielleicht drei Minuten später kam sie ins Haus. Zufall? Keine Ahnung, das darf jede:r für sich selbst entscheiden. Gleichzeitig habe ich auch gemerkt, dass ich nicht jedem Impuls folgen muss. Es ist auch schön, die Dinge so zu lassen, wie sie sind. Dazu gehören auch meine „Was wäre, wenn ...“-Gedanken.
Ich fuhr weiter, weiter über den Städtekette-Radweg. Mein Fahrrad war noch nie so leicht auf der Tour. Ein Stück vor Jena-West überholte mich ein Pärchen, wir kamen ins Gespräch. Sie brachten mich ins Zentrum von Jena, bis vor Mc Donalds. Ca. um 19:00 bin ich am Ziel gelandet, in einen Hinterhof. Schon dort wurde ich gefragt, ob ich einen Schlafplatz suche. „Nein danke, ich habe schon etwas“. Spätestens hier war mir klar, was das die Menschen aus Erfurt meinten. Sie sagten mir, dass ich bemerken werde, dass die Leute hier offener sind. Dazu später mehr.

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